Eine Hausgeburt mit Hindernissen

Eine Hausgeburt mit Hindernissen

Ich hatte vor der Geburt unseres Sohnes nicht einmal auch nur annähernd an eine Hausgeburt gedacht. Wie das jedoch oft so ist im Leben, manchmal überrascht man sich selbst am meisten. Warum es am Ende aber doch eigentlich um den Mann geht, erfahrt ihr in diesem Blogeintrag.

Eine Hausgeburt mit Hindernissen

 

Der kleine Mann feiert morgen seinen 3. Geburtstag.

Morgen vor genau drei Jahren kam unser Sohn um 6.33 Uhr an einem Donnerstag auf die Welt.

Zuhause. In unserem Bett.

Es war keine von Anfang an geplante Hausgeburt gewesen. Ich wollte gerne eine ambulante Geburt. Schon der Gedanke an Krankenhäuser jagt mir einen Schauer über den Rücken. Als der Mann und ich nach einer Hebamme für die Wochenbettbetreuung umsahen, hatte keiner auch nur annähernd über eine Hausgeburt nachgedacht.

Die Hebamme, auf die unsere Wahl fiel, war dann zufällig eine von zwei in unserer Umgebung, die Hausgeburten betreut.

Eigentlich war ich sogar ein bisschen überrascht, dass jemand tatsächlich auf die Idee kommen könnte, sein Kind zuhause zu entbinden.

 

Der Zwergenprinz war nicht die erste Geburt, seine große Schwester kam im Krankenhaus zur Welt. Damals bin ich einen Tag nach der Entbindung wieder nach Hause gefahren. Die eine Übernachtung wollte ich mir dieses Mal komplett sparen.

 

Sich auf einen bestimmten Geburtsverlauf zu fixieren ist nicht unbedingt ratsam. Aber total normal. Jede Frau entwickelt früher oder später eine ziemlich genaue Vorstellung von der persönlichen Traumgeburt. Mein Wunschtraum beinhaltete so wenig Verweildauer wie nötig im Krankenhaus.

 

Bei unserem ersten Kennenlern-Treffen erzählte die Hebamme über sich und ihre Arbeit und natürlich auch über diese für mich damals noch skurrilen Hausgeburten.Trotzdem hatte sich der Gedanke zunächst unmerklich eingenistet. Die folgenden Wochen kam mir das Thema Hausgeburt immer wieder mal in den Sinn und ohne den genauen Zeitpunkt benennen zu können, fand ich die Idee auf einmal gar nicht mehr so schlecht.

 

Der Mann fand die Idee absurd.

Die Risiken.

Die möglichen Komplikationen.

Und dann noch die ganze Sauerei.

 

Wir einigten uns jedoch darauf uns die Sache trotzdem einmal genauer erklären zu lassen. Geduldig beantwortete unsere Hebamme alle Fragen und informierte und ausführlich über alle Schritte. Im Vorfeld wird so viel wie möglich schriftlich festgehalten, da keiner den tatsächlichen Ablauf der Geburt vorhersagen kann und ob unter der Geburt Zeit für viele Fragen bleibt ist auch so eine Sache. Ein wichtiger Punkt ist die Wahl des Krankenhauses, in das bei Komplikationen verlegt werden soll.

 

Ich bin von Haus aus kein besonders pragmatischer Mensch und mochte mir nicht so ganz vorstellen wie unser Bett zu einer Geburtsstätte umfunktioniert werden sollte. Es muss natürlich nicht zwingend das Bett sein, jede Gebärende hat andere Vorlieben. Die Hebamme lachte und erklärte mit einfachen Worten. Bettlaken, Abdeckfolie wie beim Malern, Bettlaken, fertig. Nach der Geburt einfach die Abdeckfolie samt Bettlaken in den großen Abfallbehälter mit Deckel. Ah, darum steht der auf der Liste (und für die Plazenta, falls es keine anderweitige Verwendung dafür gibt, offensichtliches Grausen des Mannes im Hintergrund). Dem Mann riet sie, sich gerne ausführlich mit Statistiken zu beschäftigen und in ihrer über 20-jährigen Erfahrung mit Hausgeburten gab es bisher drei Verlegungen in ein Krankenhaus, in denen ein Rettungswagen nötig gewesen war.

 

Für mich war da schon alles klar. Der Mann erbat sich Bedenkzeit und nahm die Statistiken genauer unter die Lupe. Von Anfang an waren wir uns einig, dass unser Sohn nur dann zuhause auf die Welt kommen würde, wenn wir beide absolut felsenfest davon überzeugt wären, dass das der richtige Weg ist. Für uns beide. Ich halte es für ganz wichtig, dass beide Partner eine Entscheidung ob für oder gegen eine Hausgeburt frei und unabhängig voneinander treffen können.

Der Zwergenprinz entwickelte sich prächtig, die Hebamme übernahm einige der Vorsorgetermine, um die Entwicklung aus erster Hand mitverfolgen zu können. So wurde der Bauchumfang gemessen, die Herztöne mit einem Hörrohr überwacht, die Position des Babys mit den Händen ertastet und der Eiweißgehalt per Urinstick überprüft und zwar alles bequem auf meinem Sofa. Außer die Sache mit dem Urinstick natürlich.

 

Bei einem der Termine wollte die Hebamme einige Details über die Geburt der Riesin erfahren, vor allem wie ich mich in der Austreibungsphase gefühlt und verhalten hätte. Komische Frage dachte ich erst. Wie fühlt man sich schon auf dem Gipfel einer Geburt. Ich wollte nach Hause gehen, alles abbrechen und das Kind sollte einfach bleiben wo es war. Die Hebamme nickte zufrieden und ich wollte genauer wissen, was eigentlich hinter der Frage steckte.

Sie prophezeite mir, dass ich unter der Geburt mit Sicherheit ins Krankenhaus wollte und die Info ist wichtig für sie, um einschätzen zu können wie ernst meine Aussagen dann zu nehmen seien.

 

Krankenhaus? Blödsinn, da wollte ich ja eben nicht hin.

 

Am Vormittag des 10. Juli fingen dann die Wehen endlich an. Die Hebamme schaute mittags mal kurz vorbei und stellte nach einer kurzen Untersuchung fest, dass der Zwergenprinz auf jeden Fall heute auf die Welt kommen würde. Juhu! Mittlerweile war es ET+6 und langsam mal Zeit, alles war beschwerlich geworden.

 

Wir sollten die Hebamme anrufen, wenn die Wehen regelmäßig kommen würden und stärker werden. Regelmäßig kam gar nix. Abends um acht waren die Schmerzen schon stärker, aber immer noch nicht regelmäßig. Ich war mir zu dem Zeitpunkt ein bisschen unsicher, ob ich die Sachlage richtig einschätzen würde und bat die Hebamme zur Sicherheit zu kommen, weil ich mich damit wohler fühlen würde.

 

Das Wohlfühlen war immer ein zentrales Thema während den ganzen Vorbereitungen und der Hausgeburt selbst. Die vertraute Umgebung zuhause war für mich persönlich der wichtigste Faktor bei der Geburt. All die vertrauten Gerüche, mein Badezimmer, mein Bett und nur bekannte Menschen um mich herum sorgten dafür, dass ich entspannt in unser zweites Geburtserlebnis startete.

Unser Ziel war es, dass die Familie gleich in den ersten Stunden zusammen in Ruhe das kleine Wunder betrachten und anfassen konnte. Diese kostbaren ersten Stunden, die einem so stechend klar im Gedächtnis bleiben und doch mit einem nebligen Schleier aus unbändiger Freude überzogen sind.

 

Nach einem Geburtstillstand in der Nacht und einer neuen heftigen Welle an Wehen, war es dann soweit.

 

Ich wollte ins Krankenhaus. Sofort und auf der Stelle sollte mich der Mann dahinfahren, der Zwergenprinz sollte geholt werden, notfalls mit Saugglocke. Ganz egal wie, Hauptsache raus. Sofort!  Sollte mich noch einmal jemand zu einem Vierfüßlerstand ermutigen, dem würde ich Gewalt antun.  Ich frage mich heute noch, woher eine Mutter in dieser Phase die Energie für so viel Wut hernimmt.

 

Die Hebamme blieb gelassen, hatte sie es doch vorausgesehen und beschwichtigte mich, dass es nun bald soweit sei und ich den Zwergenprinz schon bald in meinem Armen halten würde.

 

Um 6.33 Uhr war es dann soweit. Unser Sohn wurde geboren, nach vielen anstrengenden, aber auch glücklichen und zum Großteil entspannten Stunden. Sein Geburtsgewicht von 4400g erklärte auch gleich den riesigen Bauch, den ich die letzten Wochen vor mir hergeschoben hatte.

Gerne würde ich an der Stelle mit meiner Geburtserzählung aufhören, aber das wäre nicht ehrlich.

Das erste Anlegen klappte wunderbar, der Mann durchtrennte die Nabelschnur und wir lagen glückselig und stolz auf dem Bett und warteten nur noch auf die Plazenta.

 

Die nicht kam.

 

Die Plazenta wollte sich partout nicht von alleine lösen, was einen erheblichen Blutverlust verursachte. Ich konnte es nicht fassen, plötzlich stand eine Verlegung ins Krankenhaus im Raum, die ich doch partout nicht wollte. Mir kamen die Tränen vor Erschöpfung und Wut, während die Hebamme den Krankenwagen rief.

Nach der Ankunft im Krankenhaus bekamen wir deutlich zu spüren, was man vom Thema Hausgeburt hielt. Voller Glückshormone interessierte mich der Umstand allerdings wenig, den Ernst der Lage hatte ich zu dem Zeitpunkt auch noch nicht ganz begriffen.

Alles weiter passierte ganz schnell. Ich wurde gleich in den OP geschoben und das letzte, was ich sah war das entsetzte Gesicht vom Mann, als sich die Türen schlossen.

 

Während mir unter Narkose die Plazenta entfernt wurde, sah der Mann vor dem OP die Blutkonserven anrollen (die ich zum Glück nicht benötigte) und der Zwergenprinz wurde in ein Wärmebettchen gepackt. Die OP selbst war nur kurz und ich war kurz danach wieder wach. Fröstelnd vom Blutverlust. Den Mann sah ich kurz auf meinem Weg in den Aufwachraum. Der entsetzte Gesichtsausdruck hatte einem erschütterten Platz gemacht.

 

Das Stillen klappte zum Glück von Anfang an gut, obwohl mir die Ärzte und Schwestern prophezeit hatten, dass das durch den enormen Blutverlust schwierig werden könnte.

Danach wurde ich immer wieder darauf angesprochen, dass die Hausgeburt wohl doch keine so gute Idee gewesen wäre.

Doch.

Sie war sogar eine sehr gute Idee.

 

Die Nähe zu einem Krankenhaus mit voll ausgestatteter Geburtsstation war einer der gewichtigsten Faktoren bei unserer Entscheidung für eine Hausgeburt. Diese räumliche Nähe hat uns schlussendlich auch vor viel Schlimmeren bewahrt.

Ich habe mich zuhause schnell erholt und das Erlebte gut verarbeitet. Bei dem Mann sieht es anders aus. Für ihn war die Situation deutlich traumatischer und bringt mich auf eine ganz wichtige Herzensangelegenheit. Bei Tante Tilda stehen zwar die Mamas und Babys im Fokus, doch es gibt viele Männer da draußen, die mit traumatischen Ereignissen bei einer Geburt konfrontiert werden und leider in vielen, vielen Fällen einfach hintenüberkippen.

 

Während ich medizinisch versorgt wurde, wurde ihm keine Hilfe oder stützende Schulter angeboten. Wir wissen viel über postnatale Depressionen und bringen diese vor allem mit Müttern in Verbindung. Auch Väter können aufgrund von Erlebtem darunter leiden. Mir ist es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, auch bei Vätern genau hinzusehen wie sie sich nach einer Geburt fühlen.

 

Manchmal genügt ein einfaches „bist du okay?“.

Manchmal genügt es nicht.

 

Die Euphorie über das neue Leben und das Umsorgen der Mama, lassen vielleicht in der ersten Zeit keinen Platz für die Gefühle des Vaters. Viele Männer wollen auch nicht immer unbedingt zugeben, dass sie das Gesehene und Erlebte überfordert oder Ängste ausgelöst hat. Schließlich leistet eine Mama die ganze phänomenale Arbeit und bringt dieses kleine Wunder in die Welt. Der Mann wusste auch gar nicht mit wem er darüber hätte reden sollen. Das scheint kein Gesprächsthema unter Männer zu sein.

 

Darum meine Bitte, seht genau hin, wenn jemand in Eurer Nähe Vater geworden ist. Eine kleine Frage kostet nichts und bedeutet für den anderen unter Umständen eine ganze Menge.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

  1. Tanja Pusic / Tante Tilda Tanja Pusic / Tante Tilda

    Liebe Lizzy,
    Deine Gedanken kann ich sehr gut verstehen. Ich wünsche Euch, dass Ihr eine Lösung findet, die beide mittragen können, das halte ich für außerordentlich wichtig - die Schwiegermutter lasse ich mal außen vor ;) . Vielleicht können ein Besuch und eine ausführliche Beratung im Geburtshaus Deinem Mann die Ängste nehmen. Ich wünsche Euch auf jeden Fall eine tolle weitere Schwangerschaft und Geburt
    Liebe Grüße,
    Tanja

  2. Lizzy Lizzy

    Vielen Dank für Deinen Artikel.
    Ich bin mit dem dritten Kind schwanger und würde gerne ins Geburtshaus gehen. Mein Mann ist noch nicht überzeugt, meine Schwiegermama ist auch nicht begeistert: die Risiken, die möglichen Komplikationen. Vor diesen selbst habe Ich keine Angst, aber vor den Vorwürfen, sollte was sein: siehst du, war doch keine gute Idee, wir haben es ja gleich gewusst.
    So war es schon bei der ersten Geburt, als ich mich durchgesetzt und ambulant entbunden habe. Zwei Tage später waren wir zwei Nächte in der Kinderklinik wegen Gelbsucht: hättest du stationär entbunden, wäre es soweit nicht gekommen. Woraufhin ich beim zweiten Kind brav zwei - für mich unnötige, für meinen Mann beruhigende - Nächte im Krankenhaus geblieben bin...

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