Hurra! Waldkindergarten wir kommen!

Hurra! Waldkindergarten wir kommen!

Hurra! Waldkindergarten wir kommen!

 

Die Eingewöhnung im Waldkindergarten ist für uns so gut wie abgeschlossen und eigentlich hatte ich schon einen Beitrag verfasst, in dem ich von der Umsetzung des Konzepts erzähle, wie traumhaft der Betreuungsschlüssel ist - 4 Betreuungspersonen auf 16 Kinder – oder wie wichtig ich die Thematik Raumgestaltung und Architekturpsychologie im Zusammenhang mit Kindertagesstätten halte. In der Einleitung habe ich noch einmal über die Gründe gesprochen, warum wir unseren Sohn nach einem Jahr im „normalen“ Kindergarten wieder aus dem System genommen haben und wie wir mit unfassbarem Glück, oder was auch immer daran beteiligt war, den Platz in der Montessori-Waldgruppe bekommen haben. Aber manchmal ist es einfach so, dass eine andere Geschichte geschrieben werden will und in diesem Fall eine Geschichte, die nicht von der perfekten Outdoorkleidung (fragt mich bitte nicht, ich kämpfe mich da auch noch durch) oder der Garantiert-Auslaufsicheren-Trinkflasche (Klean Kanteen kommt dem aber schon ziemlich nahe) handelt, sondern von Vertrauen, Angst, Loslassen und Überraschungen.

 

Nachdem wir uns also dazu entschlossen hatten, den sensiblen Zwergenkaiser aus dem Kindergarten zu nehmen, vertrödelten wir von da an unsere Tage, sortierten uns neu und erholten uns von dem anstrengenden Jahr, hielten aber auch nach Alternativen Ausschau.

 

Das Glück kommt, wenn man es am wenigsten erwartet

 

Das alte Sprichwort trifft es in unserem Fall genau. Wir liebäugelten im Vorfeld schon immer ein bisschen mit der Philosophie von Maria Montessori und wollten uns die Umsetzung einmal genauer ansehen. Beim Tag der offenen Tür im Montessori-Zentrum verliebten wir uns sofort in den wunderschön gestalteten Neubau. Die offenen, hellen und ganz im Sinn der Montessoripädagogik konzipierten Räume sprachen bei der Besichtigung nicht nur mich sofort an, sondern auch unseren Sohn. So kam es, dass wir bei unserer Suche nach alternativen Betreuungsmöglichkeiten eine Voranmeldung für das Montessori-Kinderhaus ausgefüllten. Allerdings mit wenig Aussicht auf Erfolg. Die Kapazitäten ausgeschöpft, die Nachfrage gigantisch. Ich hätte heulen können.

Nach ein paar Wochen kam aus dem Nichts heraus der Anruf, dass das Kinderhaus wie wir ja bereits wüssten, keinerlei Plätze frei hat, ob wir aber vielleicht Interesse an der Waldgruppe hätten, da würde ein Platz frei werden. Im Februar könnten wir mit der Eingewöhnung starten. Waldgruppe? Das Konzept Waldkindergarten ist ja nicht mehr ganz neu und wir hatten uns schon kurz einmal mit dem Gedanken auseinandergesetzt, waren uns aber nicht ganz so sicher, ob das was für den Räuberkönig wäre. Er spielt gerne draußen, keine Frage. Aber nur wenn es nicht zu kalt ist oder das Gras nicht mehr feucht am Morgen oder die Sonneneinstrahlung günstig und wehe, wenn die Hände matschig werden. Auf der anderen Seite stand aber ein dickes, fettes Pro: Ein besseres Raumkonzept würden wir ihm nirgendswo bieten können. Wir sagten sofort zu!

Im Februar begannen wir also mit der Eingewöhnung bei minus 4 Grad. Der Zwergenkaiser und ich nehmen auf kleinen Baumstümpfen Platz und lassen alle neuen Eindrücke auf uns wirken. Lange Sitzen geht allerdings nicht, weil einem dabei vor allem eines wird und zwar ziemlich kalt.

 

Nicht nur das Kind muss sich eingewöhnen!

 

Ein menschlicher Zug ist das Vergleichen: immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich mich jeden Morgen beim Wecker klingeln automatisch auf das Schlimmste gefasst mache. Zu tief sitzen die Erinnerungen an ein Kind, dass sich schlussendlich gestresst vom Kindergarten allem verweigert. Kein Aufstehen ohne Weinen. Kein Anziehen ohne Schreien.  Aber: das Schlimmste bleibt aus. Der Zwergenkaiser zieht sich an, frühstückt genüsslich und macht sich auf den Weg in den Kindergarten. Gepienze gibt es mal hier, mal da, aber alles im normalen Bereich. Ich habe auch nicht immer jeden Morgen die gleiche Lust und Vorfreude auf die Welt da draußen. Die Erinnerungen an die Episode Kindergarten 1.0 scheint er besser weggesteckt zu haben als ich.

 

Wobei wir auch schon bei dem eigentlichen Thema wären. Mir.

 

Von Anfang an bin ich Feuer und Flamme, wenn ich nur an diesen kleinen Fleck im Wald denke. So idyllisch mit Bauwagen und Tieren nebenan, strahlt er eine Ruhe aus, die mich direkt anspricht. Auch das fröhliche Geschrei der Kinder klingelt einem dank der fehlenden Wände nicht so in den Ohren. Die Kinder klettern, rasen oder kullern Abhänge hinunter. Springen über Wurzeln, schleppen Stöcke mit sich herum und stochern damit in der Glut des Lagerfeuers.

 

Und ich? Anstatt mich entspannt zurückzulehnen und daran zu freuen wie mein Kind sich langsam immer mehr Raum erobert, sehe ich nach ein paar Tagen plötzlich überall Gefahren. Wurzeln, über die er fallen und Steine, an denen er sich den Kopf stoßen kann. Vom Lagerfeuer will ich erst gar nicht anfangen. Während mein Sohn immer offener den Wald um sich herum erkundet, stehe ich auf der Stelle. Nicht nur mit meinem Körper, sondern auch in meinen Gedanken. Wie ich weiter oben schon erklärt habe, bei Minusgraden wird einem ohne Bewegung ziemlich schnell ziemlich kalt. Auch gedanklich.

Was ist, wenn ein anderes Kind mein Kind die Böschung hinunterschubst? Oder mit dem Stock zuschlägt? Oder, oder, oder…. Das Gedankenkarussell nimmt schön Fahrt auf.

 

 

Man kann laufen so weit man will, man sieht überall nur seinen eigenen Horizont – Max von Eyth

 

 

Jeden Freitag wird im Kindergarten gewandert und unsere erste Eingewöhnungswoche geht mit einer Wanderung durch eine Schlucht zu Ende. Und in dieser Schlucht passiert dann tatsächlich was. Mit mir und meinem Sohn.

 

Wir wandern also zwischen meterhohen Steilwänden, die Kinder klettern über Baumstümpfe und durch das zugefrorene Bachbett. Ich laufe immer schön in einem gewissen Abstand hinterher, richte mal hier einen Handschuh und ziehe mal dort die Mütze wieder richtig auf. Nach einer Woche gehört man für die Kinder eben einfach dazu. Plötzlich bleiben ein paar der Waldkinder stehen und begutachten die Schluchtwand, die an der Stelle mit kleinen Höhlen und Wurzelwerk durchzogen ist.  Nach ein paar Sekunden machen sie sich geschlossen daran, die Steilwand zu erklimmen. Mein Kind mittendrin. Und mir bleibt das Herz stehen, als ich dazukomme.

 

 

Mittlerweile ist der Räuberzwerg schon zur Hälfte oben und ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge fallen. Da dreht er sich um zu mir, winkt mit leuchtenden Augen und ruft „Mama, komm auch hoch!“ Ich will schon ansetzen und ablehnen, doch plötzlich denke ich: Warum nicht?

 

Es gibt in genau diesem Moment keinen Grund auf der Welt, es nicht zu tun. Also klettere ich los, was mein Sohn mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck quittiert und sich wieder seinem eigenen Aufstieg zuwendet. Ich bin dicht hinter ihm, als er oben ankommt und voller Stolz auf sich selbst laut ruft: „Ich habe es geschafft! Ich bin oben!“ Kaum ist er oben, macht er sich auch schon ohne mit der Wimper zu zucken daran, den Abhang wieder fröhlich hinunterzurutschen.

 

Die restliche Wegstrecke legt mein Sohn mit riesigen Schritten zurück und scheint plötzlich gefühlte 5 Meter groß zu sein. Kein Baumstamm ist ihm mehr zu glitschig, kein Sprung zu weit und kein Schlammloch zu tief.

 

 

Was war da genau passiert? Zunächst einmal ganz einfach. Für ihn war die Bezwingung der Schluchtwand ein richtungsweisendes Erlebnis, das ihm gezeigt hat „Ich schaffe das!“. Und zwar nicht nur das, sondern auch alles andere, was da noch so kommen mag.

 

Mich trifft eine andere Erkenntnis. Er hat es vor allen Dingen geschafft, weil ich ihn gelassen habe. Ich habe für einen Moment meine Ängste beiseitegeschoben und ihm zugetraut, die Situation alleine einschätzen und bewältigen zu können. Mit Erfolg. Das mag sich jetzt sehr bedeutungsschwer anhören, aber nicht nur der Zwergenkaiser kommt mit einem anderen Mindset am anderen Ende der Schlucht heraus, sondern ich auch.

 

Ich versuche, mich nicht mehr darauf zu konzentrieren, was alles möglicherweise schief gehen könnte, sondern darauf, was die Kinder alles schon Phänomenales können. In der Umgebung eines Waldkindergartens spüren die Kinder ihren Körper viel unmittelbarer. In vielen Fällen zwar unbewusst, aber sie scheinen zum Beispiel instinktiv zu wissen, welche Höhe sie noch locker bezwingen können und welche einfach eine Nummer zu groß ist. Ich muss mich fragen, wann ich aufgehört habe, meinem Kind diese Selbsteinschätzung zuzutrauen. Versteht mich nicht falsch, ich spreche nicht davon, einen Dreijährigen selbstbestimmt durch den Großstadtverkehr navigieren zu lassen, sondern davon, seine (körperlichen) Grenzen wahrzunehmen, in Frage zu stellen, zu testen und schlussendlich anzupassen oder neu auszurichten.

 

Mir geht es genauso. Ich muss meine geistigen Grenzen ausfindig machen und auf den Prüfstand stellen. Das klappt bei mir nicht immer so schnell wie bei meinem Sohn. Ich muss wieder und wieder reflektieren, ob der Raum, den ich ihm lassen zu klein gesteckt ist. Mich fragen, ob ich es ihm in mancherlei Hinsicht vielleicht zu leicht mache, ihm zu viele Dinge abnehme. Er ist und bleibt ein sehr, sehr sensibler Junge, der viele Einflüsse viel stärker wahrnimmt als vielleicht andere.

Ich muss mir aber auch eingestehen, dass ich mich wahrscheinlich in manchen Fällen auch aus vermeintlich besten Absichten vor ihn gestellt habe, in denen es nicht notwendig gewesen wäre. So habe ich ihm sehr wahrscheinlich manche Erfahrungen, die für sein Selbstwertgefühl wichtig gewesen wären, vorenthalten.

 

All die gewonnen Eindrücke schmerzen aber auch und pieken die nächsten Tage stetig in meinen Gedanken. Jeder richtet sich ja irgendwann muckelig in seinem Erziehungsstil ein. Vor allem Eltern von sehr sensiblen Kindern wissen meist, welche Klippen man am besten umschifft. Die Gefahr dabei liegt jedoch darin, dass der Bogen zu groß gerät. Die Balance zu finden zwischen fördern, sanft anschubsen und ihn nicht zu überfordern, gelingt mir auch jetzt noch nicht immer zuverlässig – ich arbeite aber daran. 

Die Mischung aus neuem Kindergartenumfeld und meiner veränderten Denkweise zeigt recht schnell eine positive Wirkung. Das Selbstvertrauen, das der sensible Zwergenkaiser mit jeder gemeisterten Herausforderung dazugewinnt, gibt ihm einen derartigen Aufwind, dass er sich auch im Alltag immer mehr aus seiner Komfortzone heraus traut und auch gleichzeitig an meiner rüttelt. Und das ist auch gut so, denn wie wir alle wissen:

 

                               Great things never come from comfort zones!

 

 

Wie sieht es bei Euch aus? Wann seid ihr das letzte Mal mit Euren Kindern eine Schlucht hinaufgeklettert oder habt Euch einem anderen Wagnis gestellt?

 

Das Titelbild stammt von der Schweizer Illustratorin Tiziana von tizitizimizzy illustration . Mehr von ihren zauberhaften Arbeiten findest Du auch auf ihrem Instagramaccount Danke dafür, meine Liebe!

 

Kommentare

  1. Tanja Pusic Tanja Pusic

    Liebe Carolin, vielen Dank für Deine lieben Worte :) Wir sind immer noch total glücklich über den Platz. Es ist schön zu lesen, dass ihr euer "Schluchterlebnis" schon hattet. Ich war wirklich überrascht wie leicht ich unseren Sohn scheinbar unterschätzt habe

  2. Carolin Carolin

    Viel besser als Outdoorkleidung. Danke für diesen tollen Text! Ich hatte mein "Schlucht-Erlebnis" mit meinem Sohn schon als er noch krabbelte und bin heute noch oft überrascht, wie gut er sich einschätzen kann und wieviel vertrauen er in seinen Körper hat. Ich wünsche euch alles gute und bin ziemlich neidisch auf den Platz in der tollen Waldgruppe ;-)

Schreibe einen Kommentar
* Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
* Pflichtfelder
Wir benutzen Cookies nur für interne Zwecke um den Webshop zu verbesseren. Ist das in Ordnung? Ja Nein Für weitere Informationen sehen Sie bitte unsere Datenschutz-Erklärung. »