Nachts kommen die Füchse - Alpträume bei Kindern

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  • Durch Tanja Pusic
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Nachts kommen die Füchse - Alpträume bei Kindern

Irgendwann zwischen zwei und drei Uhr nachts werde ich davon wach, wie mein drei Jahre alter Sohn panisch auf mich draufkrabbelt. Er fängt immer lauter an zu weinen, der Mama-Modus springt an und ich bin mit einem Schlag hellwach. Im Gegensatz zu ihm.

Auf mir liegend brabbelt er fast schon hysterisch undeutliche Worte vor sich hin. Ich glaube, ein „Geh weg!“ zu hören. Schnell wird klar, dass er immer noch schläft. Bloß keine Zeit verlieren, denke ich, und wecke ihn mit lauter Stimme.

Zartes und sanftes Wecken kommt mir in dem Moment gar nicht in den Sinn. Zu offensichtlich ist er immer noch in einem angsteinflößenden Traum gefangen, aus dem ich ihn einfach nur befreien will. Es vergehen nur Sekunden und er sitzt völlig wach neben mir und kann sich erstaunlich gut an alles erinnern.

 

„Mama, überall waren Füchse“ erzählt er mit aufgeregter Stimme „die wollten auf das Bett springen und mich holen“.

 

Seit den letzten Monaten kommen nachts in unregelmäßigen Abständen immer wieder Tiere in seinen Träumen vor, die ihn verfolgen und ihm Angst einjagen. So wird aus einem zunächst wohligen Traum schnell ein gruseliger Alptraum.

 

 

Alptraum oder Nachtschreck – wo liegt der Unterschied?

 

Alptraum und Nachtschreck sind beides Phänomene, die unter dem Fachbegriff Parasomnie zusammengefasst werden. Bestehend aus den Wortteilen „para“ (griech. bei) und „somnus“ (lat. der Schlaf), fallen unter diesen Überbegriff also alle Auffälligkeiten, die beim Schlaf auftreten können.

 

Gemäß der Definition der „International classification of sleep disorders” sind Alpträume “Träume mit starken negative Emotionen, die zum Erwachen führen“. Jedes Kind leidet hin und wieder unter Alpträumen. Immerhin geben zwischen 70 und 90% der Erwachsenen an, dass sie sich an den ein oder anderen bösen Traum zurückerinnern können. Ein regelmäßiges Auftreten kommt jedoch nur in 1,3% - 4% der Fälle vor.

 

Ein Alptraum schreckt das schlafende Kind meist in der zweiten Nachthälfte aus der sogenannten REM-Phase auf. Die Kinder lassen sich zum Glück relativ schnell wecken und wissen in aller Regel auch sofort, wo sie sich befinden. Ab einem Alter von ungefähr 3 Jahren beginnen die Kleinen, sich an das eben Geträumte zu erinnern und können darüber sprechen. Die beängstigenden Gefühle sind da noch frisch und erschweren so erneutes schnelles Einschlafen.

 

Ganz anders liegt der Fall beim Nachtschreck (lat. Pavor nocturnus), der zu den Aufwachstörungen zählt. Unter den Parasomnien ist er wohl der Beeindruckendste – im negativen Sinne. Der Spuk beginnt meist in der ersten Nachthälfte mit einem lauten Schrei und erschüttert viele Eltern, die verschreckt zu ihren Kindern rennen. Dort finden sie meist ein panisch schreiendes Kind mit offenen Augen im Bett sitzend vor. Alle Bemühungen das Kind zu wecken, schlagen fehl. In der Regel ist der Nachtschreck nach spätestens 10 Minuten vorbei und - im Gegensatz zum Alptraum - basiert er nicht auf längeren Traumsequenzen, da er aus dem wenig traumintensiven Tiefschlaf heraus zu entstehen scheint.

 

Im Fall des Pavor nocturnus erscheinen die Eltern als die wirklich Leidtragenden, da sich die Kinder am nächsten Morgen nicht an das Ereignis erinnern können. Seinem Sohn oder Tochter in einer solchen augenscheinlichen Panik nicht helfen zu können, ist für die meisten Mamas und Papas nur schwer zu ertragen.

 

Auch wenn es schwerfällt ist es besser, dass nächtliche Ereignis am nächsten Morgen nicht zu thematisieren, damit die Kinder aufgrund ihrer fehlenden Erinnerung nicht zu stark verunsichert werden. In der konkreten Situation ist es natürlich schwierig, sich als Elternteil bewusst zu machen, dass es sich beim Nachtschreck um ein Entwicklungsphänomen handelt, das keine schädlichen Auswirkungen auf das Kind hat und das scheinbar weder zu beeinflussen noch zu verhindern ist. Da ein Weckversuch in aller Regel ohne Erfolg bleibt, ist es auf jeden Fall ratsam, die Schlafumgebung so abzusichern, dass sich die Kinder in ihrer nächtlichen Panik nicht verletzen können.

 

 

 

Wie können Mama und Papa bei einem Alptraum helfen?

 

Jeder von uns ist schonmal mit hoher Wahrscheinlichkeit nachts plötzlich aus dem Schlaf geschreckt und wusste relativ schnell, dass ein Alptraum der Auslöser war. Wir kennen auch alle das beklemmende und gruselige Gefühl, das noch eine ganze Weile nach dem Aufwachen im Raum herumschwirrt und uns am weiteren Schlafen hindert.

 

Vor allem kleinere Kinder verstehen das Phänomen des Träumens noch nicht. Sie empfinden den Traum als real -  mit anderen Worten von außen und nicht von innen kommend. Erst ab ungefähr 5 Jahren entwickelt sich langsam das Bewusstsein dafür, dass ein Traum ein kognitives Phänomen ist. Die meisten Kindern verstehen das Konzept Träumen in all seinen Facetten tatsächlich erst mit 10 Jahren.   Aussagen wie „das war doch bloß ein Traum“ wirken also kontraproduktiv. Für das Kind ist es wichtig, dass es sich mit seinen Ängsten ernst genommen fühlt. Da die Grenzen zwischen Traum und realer Umgebung im Kindesalter nicht klar definiert, schaffen am besten reale und tatkräftige Maßnahmen Abhilfe. Machen dem Kind die Monster im Schrank oder – wie bei meinem Sohn – die Tiere unter dem Bett Angst, kann es dem Kind helfen gemeinsam nachzusehen und sich zu vergewissern, dass dort kein Ungeheuer lauert.

 

Ganz hartnäckige Übeltäter lassen sich mit einem lauten „Hau ab!“ vertreiben. Die Angst aus einem Alptraum kann noch lange nachwirken und am Schönsten ist es, wenn Mama oder Papa in der Nähe sind und Geborgenheit vermitteln. Für ältere Kinder kann es hilfreich sein, wenn sie am nächsten Tag den Traum nachzeichnen und sich einen neuen und guten Ausgang für den Traum überlegen.

 

Das Zeichnen oder Aufschreiben des Traumes ist der erste von drei Schritten der Imagery Rehearsal Therapy, die in den Neunzigerjahren von dem amerikanischen Schlafforscher Barry Krakow für Traumapatienten entwickelt wurde. Im zweiten und dritten Schritt wird der Traum mit neuen und positiven Elementen angereichert und über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen täglich eingeübt. Dadurch soll erreicht werden, dass die negativen Gefühle so lange überlagert werden bis der ursprüngliche Alptraum gänzlich verblasst ist. Die Übungen helfen nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen, die durch Alpträume belastet sind. 

 

Im Laufe des Heranwachsens treten Alpträume immer weniger in Erscheinung. Generell sind sie kein Grund zur Sorge. Treten die Träume allerdings regelmäßig und gehäufter Form auf, ist es ratsam mit dem Kinderarzt darüber zu sprechen.

 

Bei meinem Sohn kommen Alpträume mittlerweile häufiger als früher vor, sind aber dennoch ein eher seltenes Phänomen. Das Motiv ist immer das Gleiche: Tiere, die ihn verfolgen. Die Verfolgung führt übrigens die Rangliste der Alpträume an. In fast der Hälfte aller Alpträume wird der Träumende von irgendwem oder irgendwas verfolgt.

 

Mal Fuchs, mal Ameise. Angsteinflößend sind alle, egal wie groß oder klein. Wir schlagen alle mit lautem Gebrüll in die Flucht und aus der Bettdecke wird in Nullkommanix eine Schutzdecke. An den Elefanten auf dem Bettbezug kommt nämlich so schnell keiner vorbei.

 

 

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